Du hörst, dass CBD über das Endocannabinoid-System wirkt. Aber was ist das eigentlich? Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein körpereigenes Regulationssystem. Es ist erst seit den 1990er-Jahren bekannt und heute ein viel untersuchter Bereich der Biomedizin. Es beeinflusst, wie du Schmerz wahrnimmst, wie du auf Stress reagierst, wie du schläfst und wie dein Immunsystem arbeitet.
Wer zuerst wissen möchte, was CBD grundsätzlich ist, findet die Grundlagen im Ratgeber Was ist CBD?.
- Das ECS hält den Körper im Gleichgewicht (Homöostase).
- Es besteht aus Endocannabinoiden (Anandamid, 2-AG), Rezeptoren (CB1, CB2) und Enzymen (FAAH, MAGL).
- Das ECS arbeitet retrograd: Die empfangende Zelle sendet das Signal zurück zur sendenden Zelle.
- CBD beeinflusst das ECS indirekt, ohne selbst psychoaktiv zu sein.
- Das ECS kommt bei nahezu allen Wirbeltieren vor, auch bei Hunden und Katzen.
Wie das Endocannabinoid-System entdeckt wurde
Cannabis wird seit Jahrtausenden genutzt, das biologische System dahinter blieb aber lange unbekannt. Die Entdeckung war das Ergebnis mehrerer Jahrzehnte Forschung:
| Jahr | Entdeckung |
|---|---|
| 1964 | Raphael Mechoulam und Kollegen isolieren THC und klären seine chemische Struktur. |
| 1988 | William Devane und Kollegen beschreiben Bindungsstellen für Cannabinoide im Rattengehirn. Der erste Rezeptor wird später als CB1 bezeichnet. |
| 1992 | Devane und Lumír Hanuš, in Mechoulams Arbeitsgruppe, entdecken das erste körpereigene Cannabinoid: Anandamid. Der Name stammt vom Sanskrit-Wort für innere Freude. |
| 1993 | Der Rezeptor CB2 wird identifiziert. Er sitzt vor allem im Immunsystem. |
| 1995 | Das zweite wichtige Endocannabinoid 2-AG wird beschrieben. |
Aufbau: Die drei Komponenten des Endocannabinoid-Systems
| Komponente | Aufgabe | Beispiele |
|---|---|---|
| Endocannabinoide | Körpereigene Botenstoffe. Sie werden bei Bedarf gebildet. | Anandamid (AEA), 2-AG |
| Rezeptoren | Andockstellen an Zellmembranen. Endocannabinoide und Cannabinoide aus Pflanzen binden daran. | CB1 (vor allem im Gehirn), CB2 (vor allem im Immunsystem) |
| Enzyme | Bauen die Botenstoffe nach Gebrauch ab und begrenzen so Dauer und Stärke des Signals. | FAAH (baut Anandamid ab), MAGL (baut 2-AG ab) |
Anandamid und 2-AG: Die körpereigenen Cannabinoide
Anandamid und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG) sind die wichtigsten Endocannabinoide. Anders als Serotonin oder Dopamin werden sie nicht in Bläschen gespeichert. Der Körper stellt sie bei Bedarf her.
Anandamid bindet bevorzugt an CB1. Es wird mit beruhigenden, angstlösenden und stimmungsaufhellenden Effekten in Verbindung gebracht. Abgebaut wird es durch das Enzym FAAH.
2-AG bindet an CB1 und CB2 und kommt in höherer Konzentration vor als Anandamid. Abgebaut wird es durch MAGL.
CB1 und CB2: Wo sie sitzen und was sie tun
CB1 und CB2 gehören zur Familie der G-Protein-gekoppelten Rezeptoren. Ihr Vorkommen bestimmt, welche Systeme beeinflusst werden:
- CB1 sitzt vor allem im Zentralnervensystem, unter anderem im Hippocampus, in den Basalganglien und im Kleinhirn. Er ist unter anderem an Gedächtnis, Bewegung, Schmerzverarbeitung, Appetit und Stimmung beteiligt. THC bindet direkt an CB1. Das erklärt seine berauschende Wirkung.
- CB2 sitzt vor allem in Immunzellen, in der Milz und im Knochenmark. Er reguliert Entzündungsreaktionen, ohne psychoaktiv zu wirken.
FAAH und MAGL: Die Enzymbremse des ECS
Weil Endocannabinoide nicht gespeichert werden, bestimmen Enzyme, wie lange das Signal anhält:
- FAAH baut Anandamid ab. Ein Hemmer erhöht die Anandamid-Konzentration. CBD hemmt FAAH. Das gilt als einer der Mechanismen hinter der Wirkung von CBD.
- MAGL baut 2-AG ab. MAGL-Hemmer werden in der Forschung als mögliche Werkzeuge untersucht.
Wie das ECS im Gehirn funktioniert
Das ECS arbeitet anders als die klassischen Botenstoffsysteme. Serotonin oder Dopamin werden in der sendenden Zelle gespeichert und in den Spalt zwischen den Nervenzellen freigesetzt. Das ECS läuft in die Gegenrichtung:
- Die empfangende Zelle erkennt eine Überaktivierung.
- Sie stellt Endocannabinoide her, zum Beispiel Anandamid oder 2-AG.
- Diese wandern rückwärts zur sendenden Zelle.
- Dort binden sie an CB1 und bremsen die weitere Ausschüttung von Botenstoffen.
Dieses Prinzip wirkt wie eine Bremse. Es hilft, eine Überreizung durch zu viel Botenstoff zu begrenzen. Genau deshalb wird dem ECS eine ausgleichende Funktion zugeschrieben.
Das retrograde Prinzip erklärt, warum Stoffe wie CBD oder THC weitreichende Effekte haben können. Sie greifen in ein System ein, das die Balance zwischen Botenstoffen aktiv reguliert.
Was das ECS reguliert
Das ECS ist an sehr unterschiedlichen Vorgängen beteiligt. Die Forschung dazu ist je nach Bereich unterschiedlich weit:
| Bereich | Rolle des ECS | Evidenz |
|---|---|---|
| Schmerzverarbeitung | CB1 im Rückenmark und im Gehirn ist an der Schmerzweiterleitung beteiligt. CB2 in Immunzellen wirkt auf entzündliche Schmerzanteile. | Gut untersucht, Therapie noch in Entwicklung |
| Stress und Stimmung | CB1 im limbischen System beeinflusst Stressreaktionen. Anandamid wird eine angstlösende Wirkung zugeschrieben. | Überwiegend tierexperimentell |
| Schlaf | Die Endocannabinoid-Konzentration schwankt im Tagesverlauf. Ein Einfluss auf den Schlaf wird diskutiert. | Frühe Hinweise |
| Entzündung und Immunsystem | CB2 in Immunzellen beeinflusst die Ausschüttung entzündungsfördernder Botenstoffe. | Überwiegend Zell- und Tierstudien |
| Appetit und Verdauung | CB1 im Hypothalamus ist an der Regulation des Appetits beteiligt. Der appetitsteigernde Effekt von Cannabis wird über CB1 vermittelt. | Gut belegt |
| Gedächtnis und Motorik | CB1 im Hippocampus und in den Basalganglien beeinflusst Lernen, Gedächtnis und Bewegungskoordination. | Gut belegt |
THC, CBD und der Entourage-Effekt
| THC | CBD | |
|---|---|---|
| Wirkung am ECS | Bindet direkt an CB1 und CB2 | Bindet nicht direkt an CB1 oder CB2. Wirkt indirekt, unter anderem über die Hemmung von FAAH |
| Psychoaktiv | Ja | Nein |
| Rechtsstatus | Nur unter den Bedingungen des Konsumcannabisgesetzes (KCanG) oder medizinisch | Siehe Ratgeber Was ist CBD? |
Entourage-Effekt: Cannabinoide, Terpene wie Myrcen, Limonen oder Beta-Caryophyllen und Flavonoide können zusammen anders wirken als jeder Stoff für sich. Ob das bei Produkten im Alltag einen messbaren Unterschied macht, ist noch nicht ausreichend belegt.
Das ECS bei Tieren
Das ECS kommt bei nahezu allen Wirbeltieren vor, auch bei Hunden und Katzen. Die grundlegende Struktur aus Botenstoffen, Rezeptoren und Enzymen ist ähnlich. Bei Hunden wirkt THC stärker als beim Menschen. Ob CBD bei Hunden und Katzen bei Stress oder Unruhe hilft, wird veterinärmedizinisch untersucht, ist aber noch nicht abschließend belegt.
Wichtig: Nur Produkte verwenden, die für Tiere formuliert sind. Menschliche CBD-Öle können für Tiere ungeeignete Zusatzstoffe enthalten. Mehr dazu: CBD für Hunde bei Stress und Angst.
Warum das ECS für die Wahl von CBD-Produkten wichtig ist
Das Wissen über das ECS hilft bei der Kaufentscheidung:
- Vollspektrum oder Isolat: Vollspektrum-Extrakte enthalten weitere Cannabinoide, Terpene und Flavonoide. Ob sie im Alltag wirksamer sind als reines CBD, ist nicht abschließend geklärt.
- Warum CBD nicht psychoaktiv ist: CBD bindet nicht als direkter Agonist an CB1 und löst deshalb keinen Rausch aus.
- Warum Laborberichte wichtig sind: Ein COA belegt den CBD-Gehalt und den THC-Wert. Es zeigt auch, welche weiteren Cannabinoide im Produkt enthalten sind.
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Häufige Fragen zum Endocannabinoid-System
Was ist das Endocannabinoid-System einfach erklärt?
Das ECS ist ein körpereigenes Regulationssystem. Es beeinflusst Schmerz, Schlaf, Stimmung, Stress, Appetit und Immunreaktionen. Es besteht aus Botenstoffen (Endocannabinoide), Andockstellen (Rezeptoren CB1 und CB2) und Enzymen, die die Botenstoffe abbauen.
Was sind Endocannabinoide?
Endocannabinoide sind körpereigene Botenstoffe. Die wichtigsten sind Anandamid und 2-AG. Sie werden bei Bedarf gebildet und danach wieder abgebaut.
Wie unterscheidet sich das ECS von anderen Botenstoffsystemen?
Das ECS arbeitet in umgekehrter Richtung. Die empfangende Zelle sendet das Signal zurück zur sendenden Zelle. Dadurch kann das ECS eine Überaktivierung bremsen.
Wie beeinflusst CBD das ECS?
CBD bindet nicht direkt an CB1 oder CB2. Es hemmt das Enzym FAAH, dadurch bleibt Anandamid länger aktiv. Außerdem wirkt CBD auf weitere Rezeptoren, zum Beispiel den Serotonin-Rezeptor 5-HT1A.
Gibt es zugelassene Medikamente, die das ECS beeinflussen?
Ja. Dronabinol (synthetisches THC) und Nabilon sind in einigen Ländern zugelassen, zum Beispiel gegen Übelkeit nach einer Chemotherapie. Rimonabant wurde als Appetitzügler eingeführt, aber wegen psychischer Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen.
Fazit
Das Endocannabinoid-System ist ein zentrales Regulationssystem des Körpers. Es ist an Schmerz, Stress, Schlaf, Immunreaktionen und Appetit beteiligt. Viele Zusammenhänge sind gut belegt, andere, etwa der Einfluss auf Schlaf und Stimmung, sind noch Gegenstand der Forschung. CBD wirkt darauf indirekt und ist nicht psychoaktiv.
- Mechoulam R. et al. (1964): „Isolation, Structure, and Partial Synthesis of an Active Constituent of Hashish.“ Journal of the American Chemical Society.
- Devane W. A. et al. (1992): „Isolation and Structure of a Brain Constituent that Binds to the Cannabinoid Receptor.“ Science.
- Lu H. C. & Mackie K. (2016): „An Introduction to the Endogenous Cannabinoid System.“ Biological Psychiatry. doi:10.1016/j.biopsych.2015.07.028
- Russo E. B. (2016): „Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered.“ Cannabis and Cannabinoid Research. doi:10.1089/can.2016.0009
- Pacher P., Bátkai S. & Kunos G. (2006): „The Endocannabinoid System as an Emerging Target of Pharmacotherapy.“ Pharmacological Reviews. doi:10.1124/pr.58.3.2